Jennifer Walshe © Zachary Chick für Monheim Triennale
Photo: Jennifer Walshe © Zachary Chick für Monheim Triennale

Jennifer Walshe (IE)

„Wenn Leute auftauchen – es sei denn, sie sind unausstehlich oder werfen Dinge nach dir – ist es deine Pflicht, zu versuchen, ihnen auf halbem Wege entgegenzukommen“, sagt Jennifer Walshe während wir am Rheinufer in Monheim spazieren gehen. Es ist Februar 2020, und die irische Komponistin, Performerin und Hochschullehrerin ist nach Monheim gekommen, um mögliche Orte für ihre Ideen für die Monheime Triennale anzuschauen und eine kleine Performance im Monheimer „Zum goldenen Hans“ zu geben.
Doch zunächst fährt sie mit den Überlegungen zu ihrer Beziehung zu ihrem Publikum fort. „Hoffentlich sind sie neugierig. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man erschöpft ist und keine Lust hat, zu einem Konzert zu gehen und lieber zu Hause bleiben würde. Viele Leute arbeiten extrem lange oder haben mehrere Jobs. Wenn sie sich also darauf einlassen, zu einem Konzert zu gehen, müssen wir dafür Respekt aufbringen.“

In ihrer Musik wie in ihrer konzeptionellen Arbeit hat Jennifer Walshe stets die Art und Weise erforscht, wie Menschen mündlich Geschichte(n) schaffen, indem sie ihren eigenen Körper und alle Möglichkeiten ihrer Stimmbänder einsetzt. Ihre Lieder sind oft sehr eigen und bleiben noch lange nach dem Verklingen der Töne mit der Erinnerung an die Lippen der Komponistin und Sängerin verbunden. Und doch ist kein Stück von Jennifer Walshe ohne ein unmittelbares Publikum und die Gesellschaft als größeren Klangraum denkbar. Ihre Kompositionen bewegen sich im Spannungsfeld zwischen „musique concrete“, Minimalismus, Elektroakustik und Gesang. Sie zeichnen sich durch faszinierende Forschungsreisen zu Themen aus und eignen sich daher so gut für jene weniger formalen Aufführungskontexte, die Jennifer für ihre Darbietung bevorzugt. Ihre Stücke sind in großen Opernhäusern und Theatern ebenso zu Hause wie in intimen Räumen wie dem „Zum goldenen Hans“, wo sie später an jendem Februartag 2020 ad hoc mit Angelika Sheridan und Achim Tang auftrat.

„Für mich ist die freie Improvisation wie ein Motor, sie ist der Kern von allem, was ich mache“, sagt Jennifer Walshe. Eine Aussage, die nur dann wirklich Sinn macht, wenn man sieht, wie sie sich auf Sheridan und Tang einlässt, bereit, sich an Orte und unter Bedingungen führen zu lassen, die vorher nicht klar waren. „Es ist so etwas wie der Quellcode. Viele meiner Stücke entstehen dadurch, dass ich improvisiere und Teile entnehme, sie dann bearbeite und weiterentwickle. Es ist nicht nur eine Art, Material herzustellen, sondern auch eine Art, in einer Gemeinschaft zu sein, Leute kennenzulernen, mit ihnen zu spielen – Teil einer Gemeinschaft zu sein, die sich für eine bestimmte Art von Kunst interessiert.“

*Alle Zitate stammen aus dem Artist Talk mit Thomas Venker während Jennifer Walshes Besuch in Monheim am Rhein im Februar 2020.

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